DIE GOLDENE SCHREIBFEDER
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Historisches
Komm mit auf eine Reise in die Vergangenheit. Wahre Begebenheiten treffen auf Fiktion. 

Die erbin von salem

1/11/2026

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Salem, Massachusetts, 31.10.1781
 
Salem wurde von einem schweren, grauen Nebel verschlungen. Der Morgen war kalt und düster und wirkte dadurch bedrohlich. In einigen Häusern brannten bereits die Lampen und Kamine und erwärmten die Stuben. Die sanften Lichter tauchten die nebelige Atmosphäre in etwas Aufmunterndes.
Die Sonne brach langsam durch und ihre herbstlich warmen Strahlen kämpften sich durch die Bäume. Durch das Sonnenlicht leuchteten die Blätterkleider der Bäume in ihren typischen Herbstfarben. Kupferrot, dunkelrot und Gelb strahlten um die Wette.
Die Sonne dämpfte den Nebel etwas und die Szenerie wirkte nicht mehr so bedrohlich und schwer. Eher mystisch und besänftigend.
 
Am Waldrand, etwas ausserhalb vom Dorfkern, stieg Rauch aus einem Schornstein und verpuffte sich langsam in den Himmel. Das Haus im Neu-England Stil, war umzäunt mit einem kniehohen Steinmäuerchen, wo an einigen Stellen Moos und anders Grünzeug wucherte.
Der Rasen war mit einem Blätterteppich bedeckt und auch aus diesem Haus schimmerte bereits sanftes Licht. Die Tür öffnete sich und eine junge Frau trat hinaus auf die Veranda. Ihr tiefgrünes Wollkleid passte perfekt in diesen herbstlichen Morgen. Nur die strahlend weisse Baumwollhaube welche ihre sanft zusammengesteckten Haare versteckte, passte nicht wirklich in die Herbstszene. Links neben der Tür stand ein kleines, rundes Tischchen mit zwei schweren Eichenholzstühlen.
 
Rechts neben der Tür waren ein Besen und Eimer. Hinter dem Haus stapelte sich ein Haufen mit Holzscheiten bereit, um die kalte Zeit durchzustehen.
Abigail schnappte sich den Besen und befreite die Veranda von den Blättern. Ihr Kleid bewegte sich mit ihren Bewegungen und von weitem sah es aus, als ob sie tanzen würde.
Das leichte Kratzen des Besens über den Holzboden wurde mit dem Krächzen der Krähen untermalt. Die Krähen sassen in den Bäumen, einige hüpften über den Rasen auf der Suche nach ihrem Frühstück.
 
Die junge Abigail war so in ihre Arbeit vertieft, dass sie nicht merkte, wie sich einer der Stühle leicht verschob. Genau in diesem Moment flogen alle Krähen mit ohrenbetäubendem Gekrächzte davon. Sie schreckte hoch, fluchte kurz über die Krähen und bemerkte den verschobenen Stuhl. Sie dachte sich nichts dabei und stellte ihn an seine gewohnte Stelle zurück und beendete ihre Arbeit.
Sie legte den Besen hin und wischte sich kurz die Hände an ihrem Kleid ab. Sie betrat das Haus und beim Schliessen der Tür sah sie, dass schon wieder einige Blätter auf der Veranda lagen.
Im Haus kontrollierte sie den Kamin und ging in die Küche. In der Mitte stand ein langer Tisch aus hellem Holz mit sechs passenden Stühlen. In der Tischmitte lag ein Herbstkranz, umrandet mit zwei weissen Kerzen auf einem hölzernen Kerzenständer.
In der Kochnische neben dem Ofen stand ein Körbchen mit Holz. Abigail schnappte sich zwei Scheite und legte unter dem Herd das Holz nach. Nach kurzer Zeit wurde es wieder wärmer in der Küche und Abigail setzte den kleinen Kessel auf. Eine grosse Tasse mit einem Löffel Kaffeepulver stellte sie auf den Tisch und goss das aufgekochte Wasser hinein.
 Sie setzte sich hin und genoss den Moment. Der Duft von Kaffee und Holz. Die Sonne, die immer stärker wurde und den Nebel verdrängte. Und der erste Schluck vom Kaffee.
Als sie genüsslich einen weiteren Schluck nahm, kippe plötzlich der Korb mit den Holzscheiten um.
Abigail schloss ihre Augen zur Hälfte und starrte in die Ecke, wo das Holz am Boden lag. Sie hatte keine Angst, aber sie war vorsichtig. Seit einigen Wochen passierten immer wieder solche Sachen. Dinge, die sie sich selten erklären konnte. Ihre Augen öffneten sich wieder und langsam suchte sie den Raum ab. Nichts. Alles wie immer.
 
Sie trank ihren Kaffee aus und als aufstehen wollte, hörte sie im oberen Stock plötzlich Schritte. Leise, aber dumpfe Schritte.
Nach einigen Sekunden waren die Schritte nicht mehr zuhören. Ihr Mann William konnte es nicht sein, er verliess das Haus noch in der Dunkelheit.
Sie atmete tief ein und wieder aus, lief ins Wohnzimmer, um die Fenster zu öffnen. Etwas frische Luft würde ihr guttun. Sie zog die kalte Oktoberluft ein und erklärte sich das mit dem Stuhl auf der Veranda und dem Korb voller Feuerholz. Beim Fegen musste sie den Stuhl leicht berührt haben und der Korb fiel um, weil das Holz nicht gut aufgeschichtet war.
Aber die Schritte konnte sie sich nicht erklären. Sie schloss das Fenster wieder und ging trotz den Schritten von vorhin nach oben. Auch wenn unerklärliche Dinge passierten, die Wäsche faltete sich nicht von alleine, wobei sie sich darüber freuen würde.
 
Sie setzte sich aufs Bett und zog den Stapel mit ihren frisch gewaschenen Kleidern zu sich und faltete eins nach dem anderen. Kleid um Kleid wurde der Stapel kleiner, als sie plötzlich von einem eisigen Schauer gepackt wurde. Die Luft war kalt, obwohl die Fenster geschlossen waren und das Feuer im Kamin und unter dem Herd genug Wärme abgab, um auch die oberen Zimmer zu wärmen. Es fühlte sich an, als ob Abigail durch einen gefrorenen See bricht und ihr Körper von stechend eisigem Wasser überschwemmt wurde.
Die Luft, die ausatmete, war eiskalt und dass Licht der Lampen flackerte. Sie harrte in ihrer Position aus und alles Mögliche ging ihr durch den Kopf. Sie versuchte ruhig zu bleiben. Ihre Hände zitterten leicht, aber sie konnte nicht sagen, wieso. Nach einer Minute war alles wieder vorbei. Keine Kälte, kein Flackern, keine zitternden Hände. Sie fühlte sich, als ob sie nach einem Tiefschlaf wach wurde, leicht benommen, aber ausgeschlafen. Als ob nichts passiert wäre. Sie sammelte sich und faltete nebenbei ein Lied summend die letzten Kleider zusammen.
Sie legte die gefalteten Kleider in einen Korb, hob ihn hoch und trug ihn zu ihrer Mahagonikommode. Sie stellte den Korb neben die Kommode auf den Stuhl und verliess das Zimmer. Kurze Zeit später kam sie zurück mit einem kleinen Beutelchen in der Hand, welches gefüllt war mit frisch getrocknetem Lavendel. Das Lavendelbeutelchen legte sie in die Schublade, um etwas Duft hinzuzugeben.
 
Als sie zurückkam, lag der Korb mit den Kleidern am Boden. Langsam wurde es ihr zu viel. Sie fiel auf die Knie und hielt sich den Kopf und schüttelte ihn, als ob sie etwas abschütteln wollte.
"Nein, nein, nein", sagte sie immer wieder. Ihre Augen fest verschlossen, die Hände immer noch an ihrem Kopf legte sie sich ganz auf den Boden. Nach einer Zeit löste sie eine Hand und hämmerte auf den Boden. "Nein, lasst mich in Ruhe!" Schrie Abigail. Sie riss sich die Baumwohllhaube vom Kopf, so als wollte sie sich mehr Raum verschaffen. "Bitte …" flüsterte Abigail," lasst mich in Ruhe. Was wollt ihr von mir?" Sie drehte sich auf den Rücken und starrte zur Decke. Ihre Atmung war schnell und flach, und plötzlich war es, als ob sie erwachte. Verwirrt und schweissgebadet stand sie langsam aus und schaute in den Spiegel. Ihre Haare waren durcheinander und ihr Gesicht war rot und warm. Sie versuchte ihre Atmung zu kontrollieren und sich zu besinnen, was gerade los war. Sie wusste es nicht. Sie wusste nicht, wieso, dass sie am Boden lag und schrie. Wankend schleppte sie sich zum Waschbecken und wusch sich ihr Gesicht. Das kalte Wasser half ihr wieder zu sich zu kommen. Sie bliebt einige Sekunden stehen und lief dann in die Küche. Sie brauchte jetzt einen Kaffee.

Sie goss sich einen frischen auf und liess sich im Wohnzimmer in ihrem Sessel nieder und schaute aus dem Fenster.
Was war nur los mit ihr? Was passierte hier? Sollte sie William davon erzählen? Sollte sie zum Mr. Hicks gehen, dem Arzt von Salem? Sie hatte Angst, nicht von den Dingen, die passierten eher davon, dass sie nicht wusste, was vor sich ging.
Langsamer den je trank sie ihren Kaffee und beruhigte sich allmählich. Das Wetter verdunkelte sich und die Sonne wurde von dunklen Wolken verdrängt. Die ersten Regentropfen waren zu hören, wie sie langsam auf das Dach vielen.
Abigail umklammerte ihre Tasse und schaute dem Regen zu. Die Leichtigkeit und die Reinheit des Regens faszinierte sie.
Sie schreckte hoch, als sie ein schlagendes Geräusch aus dem Keller hörte. Zitternd stand sie auf und lief wie in Trance zur Kellertür. Das Schlagen wurde immer intensiver und wirkte bedrohlich. Sie schnappte sich die Lampe am Haken neben der Tür und öffnete sie. Langsam und Schritt für Schritt ging sie die Treppe hinunter. Unten angekommen schwenkte sie mit der Lampe von links nach rechts, aber sie konnte nichts entdecken. Das Schlagen war immer noch zu hören und sie folgte dem Geräusch. Der Keller war vollgestellt mit allem Möglichen. Alten Möbelstücken, Kisten mit Briefen und Karten, Arbeitsutensilien von William Werkzeug und tonnenweise Spinnweben. Das Schlagen hörte plötzlich auf und Abigail fand sich in der Mitte des Kellers wieder.
Sie drehte sich im Kreis und an einer Ecke blieb sie hängen. Sie hob die Lampe, um besser sehen zu können und machte einige Schritte vorwärts. Sie stutze, als sie auf einem alten Stuhl eine kleine Holzkiste sah. Sie konnte sich nicht erinnern, dass sie oder William so eine Kiste besassen. Vorsichtig näherte sie sich der Kiste und wischte mit der Hand über das verstaubte Schloss. Eine silberne Schnalle mit einer eingravierten Lilie. Sie fuhr mit dem Finger der Gravur nach und mit einem Mal öffnete sich die Kiste. Ihr Mund stand offen und sie merkte, wie nervös, aber auch neugierig sie war. Obwohl sie es sich nicht erklären konnte, siegte die Neugier. Sie blickte in die Holzkiste und entdeckte einen Brief. Datiert auf das Jahr 1669 und mit ihrem Namen. Abigail.
 
Abigail nahm den Brief hinaus und sie spürte eine Wärme, die sich durch ihren Körper zog. Die Dunkelheit des Kellers wich sanftem Kerzenlicht und der modrige Geschmack wurde vom Salbeiduft verdrängt. Ungläubig hielt sie den Brief in der Hand und schaute sich im Keller um. War sie noch bei sich zu Hause? Wo war sie?
Ganz hinten in der linken Ecke sah sie ein kleines, weisses Licht, welches auf und ab schwebte.
"Das bildest du dir alles nur ein Abigail, das passiert nicht wirklich. Du bist oben in deinem Bett am Schlafen." Flüsterte Abigail zu sich selber und starrte das Licht an. Ihre Augen weiteten sich, als es auf sie zukam. Mit der freien Hand versuchte sie das Licht zu verscheuchen und es funktionierte.
 
"Abigail." Hörte sie eine Stimme. "Abigail, lies den Brief." Abigail wagte es nicht, sich zu bewegen. "Lies den Brief, Kind, lies den Brief. Der Brief wird dir alles erklären." Flüsterte die sanfte Stimme fast unhörbar.
Abigail wusste immer noch nicht, was vor sich ging, aber irgendetwas sagte ihr, dass sie den Brief lesen sollte. Sie setzte sich auf den Boden, stellte die Lampe neben sich und blickte noch einmal im Keller umher. Das Licht war verschwunden, aber das Kerzenlicht und der Salbeiduft waren immer noch da.
 
Sie atmete tief ein und begann zu lesen:
 
"Abigail, ich weiss, in letzter Zeit, sind dir komische Dinge passiert. Aber ich werde es, so gut es geht, versuchen dir zu erklären. Ich habe nicht viel Zeit, sie suchen nach mir, nach uns. Sie wollen uns für etwas bestrafen, was wir nicht getan haben. Für etwas, was wir nicht sind.
Salem wird von Hexenprozessen heimgesucht, von Verurteilungen unschuldiger Frauen und auch Männern, von Manipulation und falschen Aussagen. Ich könnte, so wie die anderen Angeklagten, einfach einen Namen nennen und ich wäre frei. Aber das ist nicht meine Art. Ich stehe zu dem, was ich bin.
Abigail, ich bin deine Urgrossmutter, eine der letzten, wenn nicht sogar die letzte Hexe in Salem. Viele von uns wurden gehängt, viele, die ich kannte und liebte. Nicht alle davon waren Hexen wie wir. Einige von den Hexen waren durch und durch böse und spielten ihr Spiel perfekt. Wir haben uns geschworen, dass wir die Bewohner von Salem beschützen und Hand in Hand mit ihnen leben, unerkannt natürlich. Einige von uns wandten sich dem Guten ab und verloren sich in der dunklen Magie. Sie strebten nach Macht und Reichtum und waren für alles bereit. Wir stellten uns gegen sie, aber in den Augen der Bewohner machte es keinen Unterschied, was man für eine Hexe war. Hexe war Hexe.
 
Ich konnte fliehen und verstecke mich nun im Wald, aber auch hier lauern die Gefahren. Mein Ziel ist es, bis nach Boston zu kommen und dort ein neues Leben anzufangen.
Abigail, mein Kind, du bist, nein, du wirst die letzte von uns sein, auch wenn du keine Kräfte hast. Die Linie ist ausgelöscht, das Blut vergossen, aber du bist die Hüterin von unserem Geheimnis, von unserem Vermächtnis. Du bist unsere Erbin.
Es tut mir leid, dass du diese Dinge erleben musstest, die Stimmen in deinem Kopf, die Dinge, die umkippten, aber nur so konnte ich dich erreichen.
Du musst unser Vermächtnis bewahren und vielleicht gelingt es dir sogar unseren Namen reinzuwaschen.
Ich werde immer bei dir sein, genauso wie deine Grossmutter und deine Mutter. Wir werden immer an deiner Seite sein."

 
Abigail legte den Brief behutsam beiseite und blickte in die Dunkelheit des Kellers, die sich langsam wieder um sie legte. Der Duft von Salbei verflog, doch das Gefühl der Wärme blieb. Das war sie also, die Erklärung für all das Unbeschreibliche der letzten Wochen. Ein tiefes Aufatmen entwich ihrer Brust. Sie war nicht verrückt. Sie war die Hüterin eines uralten Geheimnisses – sie war die Erbin von Salem.

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